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Ich bin 26 Jahre alt, tunesisch stämmige Französin und Muslimin. Seit zwei Jahren habe ich eine intensive Liebesbeziehung zu Simon, einem 28-jährigen Franzosen und Atheisten. Sechs Monate nach Beginn dieser Beziehung „durchsuchte“ meine Mutter nach einem Streit...

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Arwa

Ich bin 26 Jahre alt, tunesisch stämmige Französin und Muslimin. Seit zwei Jahren habe ich eine intensive Liebesbeziehung zu Simon, einem 28-jährigen Franzosen und Atheisten.

Sechs Monate nach Beginn dieser Beziehung „durchsuchte“ meine Mutter nach einem Streit mein Handy. Dabei entdeckte sie nicht nur, dass ich einen festen Freund habe, sondern auch, dass ich mit ihm schlafe.

Meine Eltern waren geschieden und ich wohnte damals bei meinem Vater. Sie erzählte ihm alles. Nach zehn Jahren Konflikt war das ihr erstes Telefongespräch, bei dem sie sich nicht gestritten haben !

Mein Vater und ich standen uns sehr nahe, und er fragte mich, ob ich noch Jungfrau sei. Ich wollte meine Beziehung zu Simon nicht mehr verheimlichen und ihn auch nicht anlügen. So sagte ich ihm die Wahrheit.

In diesem Augenblick habe ich meine Familie nicht wiedererkannt. Unter Tränen stürzte mein Vater in die Küche, um ein Messer holen: „Ich werde dich töten und dann wird das weiße Tuch, auf dem du sitzt, sofort rot.‘

Ich hatte mein Todesurteil unterschrieben. Mein Bruder versperrte meinem Vater den Weg in die Küche, meine Stiefmutter und meine Schwester weinten…so als wäre ich gestorben. Und doch bin ich immer noch da.

Dann rief meine Schwester meine Mutter an, und sie organisierten in einer Mac Donalds-Gaststätte ein improvisiertes Familientreffen. Während der Fahrt dorthin wurde ich von meinem Vater und meinem Bruder fortlaufend beschimpft.

Sie zwangen mich, ihnen alles über meine sexuellen Beziehungen zu erzählen, wie oft, mit wie vielen Männern, wann ich es zum ersten Mal gemacht hätte…Fragen, bei denen man sich vor sich selbst ekelt. Und das vor allen Leuten. Ich musste auch meinen Freund anrufen, damit er dasselbe Verhör über sich ergehen lässt. „Wenn er nicht kommt, dann liebt er dich nicht,“ sagte meine Mutter.

Ich flehte meinen Vater an, mich nicht zu meiner Mutter zu schicken, denn sie hat mich schon von klein auf geschlagen, ganz abgesehen von den Demütigungen, die ich schon als Kind erdulden musste.

Aber mein Vater hat weder mit mir geredet noch mich angeschaut. Ich musste meine Koffer packen und zu meiner Mutter ziehen.

Eine Woche lang hat mich meine Mutter dann beschimpft und gedemütigt.

Ich nutzte eine dreitägige Weiterbildung aus, um morgens ein paar Sachen mitzunehmen. Simon kam mit einem leeren Sack vorbei, und ich steckte alles hinein, was ich mitgenommen hatte. So ging es drei Tage lang. Am letzten Abend ging ich nicht heim, sondern nahm von meiner Mutter per SMS Abschied und sagte ihr, sie solle nicht versuchen, mich zu finden.

Einen Monat nach meiner Flucht sah mich mein Bruder in einer Bäckerei. Es war in einer Stadt, in der wir früher wohnten. Er lauerte mir auf, griff mich an und schlug mich krankenhausreif.

Im Krankenhaus erfuhr ich noch am gleichen Tag, dass meine Familie im Wartesaal sitzt. Aber Simon, der vor ihnen gekommen war, floh mit mir durch eine Hintertür, mit Hilfe einer verständnisvollen Krankenschwester.

Sieben Monate lang wohnte ich bei den Eltern meines Freunds und wurde gleichzeitig psychotherapeutisch behandelt. Nach einigen Gelegenheitsjobs fand ich eine Stelle in einer Redaktion und gewann wieder neues Selbstvertrauen.

Obwohl man mir in Tunesien eine Stelle als Journalistin angeboten hat, werden Simon und ich nächsten Monat zusammenziehen.

Heute läuft immer noch eine Klage gegen meinen Bruder. Was meine Mutter anbetrifft, habe ich mehrmals versucht, mich mit ihr zu versöhnen, aber sie hat mich immer nur beschimpft. So rede ich jetzt weder mit ihr noch mit meinem Bruder.

Hin und wieder melde ich mich bei meinem Vater und bei meiner Schwester, aber dann rede ich nicht über Simon und sage ihnen auch nicht, wo ich jetzt lebe.

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